Reinhard Mey - Der Überzieher Songtext

Kennen sie denn die Geschichte
Von dem Überzieher schon
Den sich kaufte der Herr Fichte
Bei der Firma Stich & Sohn?
Dieser Paletot war'n Prachtstück
Und der Preis war gar nicht stark
Neunundvierzig Mark und achtzig –
Nicht mal ganz de fünfzig Mark!
Der Herr Stich sprach: „Sein se froh
'S ist mein schönster Paletot!

Geb'n se acht auf die Pracht
'S wird gestohl'n bei Tag und Nacht
Sind se mal im Lokal
Häng' se'n vor sich auf im Saal
Seh'n se'n dann immer an
Dann bleibt der Überzieher dran –
Geh'n se weg von dem Fleck
Ist der Überzieher weg!“

Fichte ging ins Wirtshaus. Leider
War da 'n Zettel angebracht:
„'S gibt kein' Raum für Überkleider
Jeder Gast geb' selber acht!“
Einen Haken fand Herr Fichte
Hinten nur, 's war ärgerlich
Darum dreht er sein Gesichte
Hängt den Mantel hinter sich
Und so kam's, dass als er aß
Er den Mantel nicht vergaß!

„Essen hier, da das Bier
Und da hängt der Überzieh'r
Oben kau'n, da verdau'n
Und dabei nach hinten schau'n
Schau ich stier, hinter mir
Schmeckt kein Essen und kein Bier –
Geh' ich weg, von dem Fleck
Ist der Überzieher weg!“

Nun mag sein, durch die Bewegung
Durch das Drehen bei Soupée
Kam sein Corpus in Erregung
Und er kriegte Magenweh
„Gut“, dacht' er, „das geht vorüber!“
Wollt' zu der bewussten Tür
Die ihm grade gegenüber –
„Halt!“, dacht er, „der Überzieh'r!“
Setzt sich wieder hin, ganz sacht
Und hat kummervoll gedacht:

„Wenn zur Tür ich marschier'
Nimmt man mir den Überzieh'r
In der Eck', im Versteck
Geh'n die Magenschmerzen weg
Bleib ich hier, im Revier
Bleib'n die Magenschmerzen mir –
Geh' ich weg, von dem Fleck
Ist der Überzieher weg!“

So dacht' Fichte und blieb sitzen
Aber schließlich musst' er raus
Und er dachte: „Das wird' nützen
Trittst halt mit dem Mantel aus!
Brauchst ihn ja nicht anzuziehen
Das erschüttert dich zu sehr!
Nimmst ihn über'n Arm bei Fliehen
Und kommst nachher wieder her!“
Er steht auf – – und setzt sich hin!
Alles ging ihm durch den Sinn:

„Essen, Bier, kriegt' ich hier
Hab' noch nicht bezahlt dafür
Magenschmerz drückt mein Herz
Und der Ober anderwärts
Wart' ich prompt, bis er kommt
Weiß ich nicht, ob mir das frommt –
Geh' ich weg, von dem Fleck
Ist der Überzieher weg!

Nehm' ich mir'n Überzieh'r
Über'n Arm, schaut man nach mir
Denn der Raum, der mein Traum
Ist zwei Schritt' vom Ausgang kaum
Steh' ich auf und ich lauf'
Mit dem Rock, hält man mich auf:
"Nich vom Fleck, der will keck
Mit'm Überzieher weg!"
Alles klirrt, kracht und schwirrt
Bis der Wirt gerufen wird
Schließlich irrt auch der Wirt
Schimpft mit mir und ist verwirrt
Kommt ein Gast und der fasst
Meinen Mantel voller Hast
Und ruft keck: „Dieser Geck
Nahm mir'n Überzieher weg!“
Will ich nun zu ihm ran
Kommt der Ober hinten an
„Nicht zur Tür, bleib'n se hier
Zahl'n se erst de Zeche mir!“
Bis ich zahl' voller Qual
Ist der raus aus dem Lokal –
Ich hab'n Fleck ohne Zweck
Und der Überzieher's weg!
Bis ich das näh'r erklär
Dazu drängt die Zeit zu sehr
Das Malheur kommt vorher
Ich hab' den Gang nicht nötig mehr!
Wie ich's mach gibt's 'n Krach
Da hilft gar kein „Weh“ und „Ach“ –
Ich hab'n Dreck und 'n Schreck
Und der Überzieher is weg!“